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Das schwarze Ägypten - Reisen im Corona-Zeitalter

„Die Welt ist ein Spiegel, zeig dich darin, und sie wird dein Antlitz zurückstrahlen.“ Ägyptisches Sprichwort





Anfang 2020 als Corona in China ausgebrochen war, reisen meine jüngste Schwester und ich unwissend, dass dieser Epidemie die ganze Welt ins Knie zwingen wird, spontan für eine einwöchige Geschichtstour nach Ägypten. Viele Freund*innen und Familienmitglieder waren sich unserer Entscheidung natürlich sehr bewusst und warnten uns vor der Situation vorort. Natürlich werden einige der Bilder von westlichen Medien beeinflusst, wie überall auf der Welt, und die Menschen haben ein normales Leben.

An unserem ersten Tag in Ägypten landeten wir auf dem Luxor Flughafen. Empfangen wurden wir nicht nur von der Bilderbuch Altstadt, den Dattelpalmen und dem arabischen Flair, sondern auch von einem eindringlichen Reiseleiter, Kutschfahrt, Souvenirverkäufer*innen und Soldat*innen. Eine der Maschen der Straßenverkäufer*innen waren „best price, 50% discount for you, good quality”. Wir kamen uns wie ein eingeflogener Goldesel vor, nur dass wir für diese Reise mit unserem knappen studentischen Budget strikt unsere Ausgaben planen mussten.

Wir beschlossen, eine Kutschfahrt mit einem charmanten und sehr freundlichen Mann mit gebräunter Haut und lockigen Haaren zu unternehmen. Muhamed, der Kutschfahrer, begleitete uns bis in die Abenddämmerung und zeigte uns seine goldgefärbte Stadt. Verzaubert wurden wir von der glänzenden Altstadt, dem Leichttraben der Pferde, dem in arabischer Sprache vorgetragenen islamischen Gebetsruf. Begleitet wurden wir auch von Muhameds klägliche Erzählungen „Seit der arabischen Revolution ist die Lage nur noch schlimmer geworden wir können uns kaum ernähren“. Er schilderte weiter: „Wir werden von der Regierung wie Kriminelle behandelt, Soldat*innen schikanieren uns auf offener Straße, weil sie meinen, wir würden Tourist*innen mit unseren Angeboten bedrängen“. Wir spürten, die Verbitterung eines achtbaren Mannes, der versucht zu überleben. Wir sahen auch, dass die Altstadt gefangen zwischen antiken Ruinen, Moscheen, polizeilich bewachten Koptischen Kirchen, Pferden, Kamelen, Toyota-Autos, Einkaufsmeilen und Pauschal-Hotelketten mehrere Welten und Zeitalter vereint und die Menschen zwischen Tradition, Moderne und dem bangen Überlebenskampf zurechtfinden müssen.



Nicht gesättigt von den gegensätzlichen Eindrücken fragten wir Muhamed, uns direkt vor Luxor abzusetzen. Wir buchten eine unvergessliche Abend-Tour durch den Luxor-Tempel. Wir erfuhren von einem Freelance-Tempelführer: Die Stadt Luxor war im Alten Ägypten die Hauptstadt. Er zeigte uns die Statuen von Amun, Mut und Khonsu. Durch ihn konnten wir sogar Alexander den Großen entdecken, der in seiner Zeit einen Teil des Tempels restaurierte und sich selbst als ägyptischen Pharao mit Hieroglyphen übermalte. Das erinnerte uns daran, wie die Geschichte der alten Ägypten weiß gewaschen wurde.

Am zweiten Tag gingen wir zuerst zum Karnak-Tempel. Uns sprang direkt eine Darstellung ins Auge, und zwar der Fruchtbarkeitsgott und Schöpfungsgottheit Min. Dieser Gott, der durch seine tiefschwarze Hautfarbe, luxuriöse Tracht und erregten Penis auffiel, war nicht zu übersehen. Amüsiert fragten wir unseren Reiseführer, ob er glaubt, dass dieser Gott auch nicht Schwarz sei und ob er uns mehr über ihn erzählen könnte. Nicht überraschend kam nur eine abwertende Antwort, dass dies eine blaue mystische Figur sei und diese Art der Darstellung nicht den islamische Werten entspreche.

Anschließend fuhren wir zum Hatschepsut-Tempel. Der beeindruckende Tempel wurde 1550 v. Chr. von der Königin Hatschepsut erbaut. Diese mächtigste Königin, die je am Nil gelebt hat und das Ober- und Unter-Ägypten regierte, verkörperte zwei Geschlechter und nannte sich in ihrer Machtzeit auch Pharao Maatkare.



Wir hörten von einer anderen Gruppe neben uns, dass die arabische Reiseleiterin ihrem Publikum abwertend erzählte, dass diese Königin mit Afrikaner*innen Handel treibe, um sie zu zivilisieren. Es war nicht erfreulich für uns, da Hatschepsut eine Schwarze Königin aus dem Süden mit afrikanischen Zügen war und die Wände eine andere Geschichte erzählten. Die Darstellung der Menschen waren sehr identisch, geschildert wurde in diesem Tempel der Warenaustausch von Gold, Elfenbein, Tieren und vieles mehr von der übrigen grünen Umgebung Ostafrikas nach Ober-Ägypten, heutiges Süd-Ägypten.

Wir spürten die gewaltige Macht, den Geist des Tempels und die Präsenz von Königin Hatschepsut. Die mit Beweisen versehenen Hieroglyphen machte uns bewusst, dass die afrikanische Geschichte wieder richtig geschrieben werden musste und wir unsere Geschichte zurückfordern müssen. Am selben Tag nahmen wir einen Nachtzug nach Kairo und kamen früh morgens an.

Entlang der Zugfahrt von Luxor nach Kairo sahen wir endlose Dattelplantagen, den kontaminierten Nil und verstopfte, verschmutzte Dörfer. Wir besuchten früh die Altstadt Kairo, die hängende Kirche, die Muhammed Ali Moschee, das ägyptische Museum und den Khan el Khalili Markt. Die Eindrücke waren überwältigend.

Am nächsten Tag fuhren wir früh los, um die Pyramiden von Gizeh und Sakkara zu besichtigen, und auf den Weg zurück in die Innenstadt Kairos besuchten wir anschließend das ägyptische Museum. Zurück nach Luxor buchten wir organisierte Tagesreisen nach Assuan, das, was wir dort sahen, war für uns sehr prägend und hat unsere Denkweise verändert.



Wir besuchten den berühmten Tempel in Assuan, Abu Simble und anschließend fuhren wir zum nubischen Dorf. Der Tempel von Abu Simble war das schönste und beeindruckendste aller Denkmäler in Ägypten und der lebende Beweis für den legendären Schwarzen Pharaonen Ramses II. Er baute um 2600 v. Chr. den Tempel für seine geliebte Frau Nefertari. Im nubischen Dorf wurden wir von den Einwohner*innen sehr herzlich empfangen und einer der Einwohner zeigte uns seine Krokodile, die er zu Hause als Haustiere wie die Alten Ägypter*innen hält. Zu unserer Überraschung mussten wir feststellen, dass die Einwohner*innen auch andere alte Traditionen immer noch praktizieren.



Die westliche Welt hat Afrika jedoch als Kontinent zwischen dem „zivilisierten Norden“ und dem „nicht-zivilisierten Subsahara-Afrika“ aufgeteilt. Uns wurde von klein auf von weiß gewaschenen Gesichtenerzähler*innen und Geschichtsbüchern eingetrichtert, dass es so sei. Das, was uns vorort erwartet hat, war aber das komplette Gegenteil. Die Ähnlichkeit der alten ägyptischen Zivilisation mit der Subsahara-Kultur und den Gesichtszügen war für uns wirklich sehr positiv überraschend. Es ist eine große Lüge, dass Ägypten, die Wiege der Zivilisation, immer als Weiße Zivilisation dargestellt wurde. Ironischerweise haben alle Denkmäler und historischen Tempel, die wir gesehen haben, das Gegenteil bewiesen. Ausgehend von der einfachen Tatsache, dass diese Zivilisation in Afrika ist und alle Denkmäler, die noch richtig restauriert sind, Schwarze Menschen mit unterschiedlichen Nuancen abbildeten.


An unserem letzten Tag in Ägypten buchten wir eine Nil-Bootsfahrt durch Luxor. Die alte und neue ägyptische Geschichte ist untrennbar mit Subsahara-Afrika verbunden. Die alten Ägypter nannten sich „Kemet“, was schwarz bedeutet, und verehrten die Quelle des Nils, indem sie das gesamte Gebiet Ta netjer, das “Land des Gottes", nannten. Der Nil, der Ursprung von Leben und das Manifest der ägyptischen Geschichte, beginnt mit seinem Verlauf von der Quelle in den Bergen von Burundi, Ruanda, Tansania, Äthiopien und Sudan bis zur Mündung ins Mittelmeer. „Kemet“, das alte Ägypten und erste fortgeschrittene Kulturen, tauchte deshalb zuerst im Süden auf und deshalb befinden sich die wichtigsten und die ältesten Denkmäler in Südägypten.

Mir und meiner Schwester führte die einwöchige Reise durch Ägypten vor Augen, dass die Reisebranche die fortbestehende Existenz der kolonialen Vergangenheit mit bedingt und aus Ungleichheit die menschliche Situation ausgeschöpft wird. Viele der Tourguides präsentierten uns unreflektiert die eigene Geschichte aufgrund kolonial-geprägter ägyptologischer Lehre. Während uns die warme Dusche und Pool zur Verfügung stand, mussten wir entlang des Nils in Slums zusehen, wie die arme Bevölkerung kontaminiertes Nilwasser zu sich nahmen und das Wasser für alles benutzten.

Ob man die Branche nach der Krise Nachhaltige reformieren kann, bleibt offen. Eins ist klar, während wir uns in Deutschland im Corona-Zeitalter unsere Hände mehrmals am Tag waschen, uns um mangelndes Desinfektionsmittel und Klopapier sorgen und unseren nächsten Urlaub planen, warten am anderen Ende der Welt Menschen ohne Recht auf sauberes Wasser, im Kampf ums Überleben, auf uns, um uns sehnlich im eigenen Land zu empfangen.


Miriam Fisshaye

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